schweres Erdbeben 1999 in der Türkei

 

Mittwoch, den 18.08.1999

Die Bilder der Erdbebenkatastrophe vom Vortag hatten mich, wie die meisten Menschen, sehr erschüttert, die Anzahl der Verstorbenen wurde nahezu stündlich heraufgesetzt. Aus meiner Sicht, als Bestatter und Thanatopraktiker, sah es so aus als würde die Lage der Bevölkerung immer aussichtsloser. Die Bilder im Fernsehen zeigten unter anderem, dass Krankenhäuser große Probleme mit der Lagerung der Verstorbenen hatten. Dieser Bericht am Mittwoch Abend brachte mich zu dem Entschluss, am nächsten Tag mit den entsprechenden Hilfsorganisationen in Deutschland in Verbindung zu treten, um meine Hilfe als Thanatopraktiker im Krisengebiet anzubieten.

Donnerstag, den 19.08.1999

An diesem Morgen rief ich zunächst das Auswärtige Amt in Bonn an. Nach einem freundlichem Gespräch mit dem zuständigen Herrn, stellte sich heraus, dass sie wohl gerne meine Hilfe in Anspruch nehmen möchten, es aber aus logistischen Gründen nicht möglich ist Mensch und Material in das Krisengebiet zu entsenden. Er verwies mich an die Hilfsorganisationen in Deutschland, die bereits in der Türkei vor Ort seien. Alle vier Organisationen hatten jedoch mit ihren eigentlichen Aufgaben so viel zu tun, dass sie keine Möglichkeit sahen uns mit in das Krisengebiet zu befördern. Nach einem Rundruf bei meinen Kollegen, die eine Ausbildung zum Thanatopraktiker oder Thanatologen absolviert hatten, stellte sich heraus, dass große Bereitschaft bestand an einem Hilfseinsatz im Erdbebengebiet teilzunehmen. Daraufhin wollte ich nicht aufgeben und schickte ein Hilfsangebot an das türkische Generalkonsulat in Berlin, dem Konsulat in Istanbul und Ankara. Eine Antwort blieb an diesem Tage aus.

Freitag, dem 20.08.1999

Als ich an diesem Morgen bis 9:30 Uhr keine Antwort der Konsulate bekam, war für mich der Einsatz als vergebens erledigt. Um 10:00 Uhr jedoch bekam ich einen Anruf vom türkischen Konsulat aus Berlin, die sich sehr bedankten für mein Hilfsangebot für die Menschen in der Türkei. Nach Absprache zwischen den Konsulaten Berlin und Hannover, wurde entschieden, dass das türkische Konsulat in Hannover die Organisation der Flüge in das Erdbebengebiet übernehmen sollte. Um 10.30 Uhr erhielt ich den Rückruf aus Hannover, mit der Bestätigung der Flüge für 10 Personen um 16.20 Uhr vom Flughafen Hannover aus nach Istanbul. Diese 6 Stunden bis zum regulären Abflug erforderten dann von den angerufenen Kollegen und mir, eine sportliche und logistische Höchstleistung. Unser Glück war, dass die Maschine 2 Stunden Verspätung hatte, und somit erst um ca. 18.30 Uhr startete. Trotz der teilweise erheblichen Entfernungen zum Flughafen Hannover, waren wir mit 8 Kollegen und 890 kg Material rechtzeitig an Bord der Maschine der Türkisch Airlines. In Istanbul gelandet führte uns eine mitgereiste Dolmetscherin unbürokratisch durch die Zollkontrollen und organisierte, dass unser Material auf Flughafenwagen verladen wurde. Sie übergab uns an zwei türkische Dolmetscher, die uns in die Stadt Gölcük begleiten sollten. Isil Dag und Serkan Gözüacik, die sich freiwillig am Flughafen beim Krisenstab gemeldet hatten um uns zu begleiten, waren uns eine große Hilfe um uns zu verständigen, in einem Gebiet in dem niemand Englisch sprach. Ohne sie, wäre unsere Hilfe nie so erfolgreich gewesen. Ihnen möchte ich im Namen aller noch einmal von ganzem Herzen danken. Nach einer Tetanusimpfung im besten Krankenhaus der Stadt, fuhren wir mit einem für uns bereitgestelltem Bus unter Polizeischutz mit Blaulicht in Richtung des 180 km entfernten Gölcük. Die ersten Eindrücke auf uns, als wir aus dem Bus ausstiegen, wird wohl niemand von uns vergessen können. Dieses Ausmaß an Zerstörung, die Hilflosigkeit in den Gesichtern der Menschen haben sich tief eingeprägt.

Samstag, den 21.08.1999

An diesem Morgen haben wir zunächst einmal die Lage in der Stadt begutachtet. Gölcük ist eine Stadt mit ca. 130000 Einwohnern, die geteilt ist einen militärischen und einen Wohnbereich. In dem militärischen Sicherheitsbereich entstand mit Unterstützung des Militärs unsere Hauptstation. Von den Kollegen zu Hause wurde unterdessen eine zweite Gruppe zusammengestellt, die an diesem Tag zur gleichen Zeit von Hannover nach Istanbul flog. Die Unterstützung des Militärs vor Ort war für uns gut, jedoch musste die Zivilbevölkerung oft zu lange auf Hilfe warten. Unsere Haupt- aufgabe bestand in den nächsten Tagen darin, die Verstorbenen zu bergen, mittels einer Bauchinjektion zu konservieren um sie dann in mit Desinfektionsmittel getränkte Tücher zu legen, so dass sie weitere Strecken transportiert werden konnten. Die ersten 200 Verstorbenen, die wir konserviert hatten waren fast ausschließlich aus einem Haus. In diesem Haus war am Abend des Erdbebens die Verabschiedung der alten und die Aufnahme der neuen Rekruten. All diese jungen Leute zwischen 18-20 Jahren fielen dem Erdbeben zum Opfer.

Sonntag, den 22.08.2000

Am frühen Morgen dieses Tages wurden wir durch die Anreise der zweiten Gruppe geweckt. An diesem Tag teilten wir die Gruppe auf, so dass wir auch mitten in der Stadt eine Station zur Versorgung der Verstorbenen einrichten konnten. Unsere Hilfe wurde immer häufiger von der Bevölkerung angenommen. Der dramatische Zeitpunkt an diesem Tag war der Moment, als im Hauptlager Chaos ausbrach und keiner wusste warum. Plötzlich rief jemand: Quarantäne, Quarantäne - mindestens 4 Wochen!! Für uns ein Alarm und gleichzeitig das Zeichen zum sofortigen Aufbruch aus der Stadt unter Zurücklassung aller persönlichen Sachen. Als wir jedoch das Stadttor passiert hatten, stellte sich heraus, dass es blinder Alarm war! Unsere Nerven lagen blank! Wir fuhren zurück in unser Lager und arbeiteten bis in den späten Abend weiter.

Montag, den 23.08.2000

Als dritte Station in Gölcük wurde in Zusammenarbeit mit dem Militär ein LKW umgerüstet. Mit dieser mobilen Station fuhren wir durch die Stadt und halfen dort wo unsere Hilfe benötigt wurde. Der Appetit der einzelnen Teilnehmer ließ trotz guter Versorgung entsprechend der Lage zu Wünschen übrig. Temperaturen von über 30 Grad und der über der Stadt liegende Totengeruch taten ihres. Unsere Hauptstation, bei der wir auch in kleinen Zelten schliefen wurde zum Dreh und Angelpunkt. An diesem Abend mussten die ersten Helfer von uns wieder zurück nach Deutschland. Sie wurden mit einem Rettungswagen von Gölcük nach Istanbul gebracht, um von dort aus am nächsten Tag zurückzufliegen.

Dienstag, den 24.08.2000

Die Lage vor Ort wurde durch den Zeitweisen Regen unangenehmer. Viele der Hilfsorganisationen waren bereits abgereist. Die Kollegen der Grubenwehr, mit denen wir in den vergangenen Tagen oft zusammen gearbeitet hatten, konnten an diesem Tag ebenfalls den Ort verlassen. Viele von Ihnen waren am Rande des Zusammenbruchs, körperlich und physisch. Unsere zweite Gruppe verließ diesen Tag Gölcük, so dass wir nur noch 5 Thanatopraktiker und Thanatologen waren.

Mittwoch, den 25.08.2000

Die Lage spitzte sich zu. Der Regen verwandelte die ohne hin schon total zerstörte Stadt in ein Gemisch aus Schlamm, Dreck, Fäkalien, Lebensmittel und Leichengeruch. Trotz der vielen hundert Toten, die noch nicht geborgen waren, verließen alle Hilfsorganisationen mit Ihrem schweren Gerät die Stadt. Die Bewohner von Gölcük waren verzweifelt. Sie baten uns immer wieder zu helfen, wir konnten jedoch nicht viel machen ohne die Hilfe von schweren Bergegeräten. Wir entschieden den Ort zu verlassen. Immer wieder wurde über Quarantäne ge- sprochen, so dass uns das Militär mit einem Hubschrauber aus Gölcük ausfliegen wollte. Als wir auf dem Weg zum Flughafen mit unserem LKW durch die Stadt fuhren, wussten die Bewohner, dass wir nichts mehr für sie tun konnten. Sie unterbrachen ihre Arbeit und applaudierten uns. Sie weinten schüttelten uns die Hände und waren aus tiefstem Herzen dankbar. Diesen Moment wir niemand von uns vergessen. Die Zahl der Verstorbenen die wir insgesamt versorgt haben lag am Ende diese Tage bei ca. 600.

Donnerstag, den 26.08.2000

Nach einer Übernachtung in einem sehr guten Hotel in Istanbul, bezahlt von der tür- kischen Regierung, flogen wir dann am Donnerstag zurück nach Deutschland. Selbst im Flugzeug bedankte sich der Pilot und alle türkischen Passagiere standen auf und klatschten. Angekommen in Deutschland, fing zunächst für uns die Zeit des Nachdenkens an. Wie unwesentlich doch viele tägliche Probleme sind! Wie groß das Elend der Bevölkerung war und vieles andere mehr. Trotzdem war auch ein gu- tes Gefühl da. Ein Gefühl das unsere Hilfe benötigt wurde und die große Dankbar- keit der Bevölkerung. Jeder von uns würde einen solchen humanitären Einsatz so- fort wieder machen. Ein Dank an alle, die geholfen haben, diesen Einsatz möglich zu machen.

Dieter Sauerbier Büren